SMART? semper et ubique

Diese Idee für ein Selbstporträt entstand bei einem Abendessen in einem Gastgarten während einer Unterhaltung über Kunst, Namensgebung, Marketing, Design, Verkauf, Bedürfnisse und sich mit der Zeit verändernde Prioritäten. Die frische Abendluft in Kombination mit Freunden, die sich noch gut an früher erinnerten, als man noch immer und überall Rauchen durfte und man den eigenen Sitzplatz nach der Windrichtung wählte, führte allgmein zum Thema Rauchen. Es sagte viel über die Persönlichkeit aus, was, wie und wo man rauchte. Für mich einprägend war die Zigarettenpackung von Smart Export. Das edle Design im Gegensatz zum günstigen Preis und einem für mich irreführenden Namen (ist es smart zu rauchen?) In dieser Zeit galt Smart Export als gesellschaftstaugliches Accessoire der Künstler und Intellektuellen. In meiner Jugend war ganz klar: Wer Smart raucht, liest Bücher. Was trug man als Mensch von Welt, subjektiv gefühlt, damals bei sich, semper et ubique – immer und überall? Eine Zigarettenpackung.

Direkt mit Smart Export ist für mich das Selbstporträt von Valie Export verknüpft. Sie hat sich mit der Marke so sehr identifiziert, dass sie Teil ihres Künstlernamens wurde. Kurz danach verknüpfte ich selbst das Wort Smart mit dem Smartphone und schon wurde für mich der Zeitsprung deutlich.

Ausgangspunkt meiner Arbeit: Valie Export Selfportrait 1970 | © photo: Gertraude Wolfschwenger
Retextualisierung und Neuinterpretation: Sheida Samyi Selfie – Selfportrait | © photo: Lucy Luna Samyi

Vieles hat sich verändert. Statt einer Zigarettenpackung tragen wir mit uns nun stets ein SMARTphone ( Gleicher Name, andere Sucht? ) Somit liegt die Welt buchstäblich in unseren Händen, während wir dabei beobachtet werden. Wir wollen selbst bestimmen, wie wir gesehen werden, und dafür ermöglicht uns das Smartphone den Fokus auf uns selbst zu richten. Wie wollen wir gesehen werden? Sind wir selbstzentriert, oder prüfen wir den Blickwinkel anderer? Was wird von uns, auch an uns, zensuriert und wie smart ist es darüber nachzudenken? Denken wir selbst? Oder denkt das Smartphone an unserer Stelle? Regt es uns zum Denken an oder hindert es uns daran? Verarbeiten wir, was wir lesen und sehen, reflektieren wir? Haben wir überhaupt Zugang zu allen Bildern und Informationen, vor allem zu den wahren, oder wird der Zugang zum Internet und ein besserer Einblick in das Geschehen rund um uns aus bestimmten Gründen eingeschränkt?

www. was, wie und wo ist es uns erlaubt zu denken?
Warnhinweis: Denken kann tödlich sein.

Der umgekehrte Gedanke, dass nicht zu denken tödlich sein kann, ist auch richtig gedacht. Es hängt beides zusammen und davon ab, wer glaubt, im Recht zu sein. Oft scheint der Stärkere, der Mächtigere, im Recht zu sein. Staatsoberhäupter, politische Systeme bestimmen die Denkweise, und wer dagegen verstößt, riskiert Gefängnisstrafen oder sogar ein Todesurteil. Mädchen und Frauen wird in manchen Ländern der Zugang zu Schulen und Universitäten verwehrt, was freies, selbständiges Denken bereits im Keim erstickt. Besonders dort wird der Zugang zum Internet, zu Wissen reguliert und Vieles wird mit Absicht geheim gehalten. Warum, kann man sich wiederum denken. Tödlich für unsere Gesellschaft, wenn wir glauben, es ist besser für uns, wenn wir erst gar nichts darüber erfahren.

Es gibt unzählige Artikel und Studien, über die Gefahren des Internets, besonders dem Einfluss auf Kinder und Jugendliche, inhaltlich wie gesundheitlich. Also nichts Neues, ich weiß. Diese Arbeit ist für mich selbst eine Erinnerung und Aufforderung immer und überall offen zu bleiben, selbstständig und eigenverantwortlich die Wahrheit zu suchen, nicht aufzugeben und diejenigen nicht zu vergessen, denen dieses Grundrecht genommen wird.

Smart Export, eine österreichische Zigarettenmarke der Austria Tabakwerke AG war Mitte 1962 die zweitbeliebteste Zigarettenmarke in Österreich. Das Design der Smart Export stammt aus dem Jahr 1959 und wird den Austria Tabakwerken zugeschrieben. Die schwarze Packung mit den weißen und goldenen Strichen, der Weltkugel und der Sentenz „semper et ubique – immer und überall“ entwarf in ihrem Auftrag der Grafiker Heimo Lauth. Sein Design basiert auf jenem von Emanuela Delignon. Die Avantgardistin Valie Export wählte ihren Künstlernamen sehr früh im Hinblick auf die grafisch dargestellte Weltbekanntheit der Marke Smart Export. 2017 wurde in der ehemaligen Tabakfabrik Linz das Valie Export Center mit ihrem Vorlass-Archiv eröffnet. https://de.wikipedia.org/wiki/Smart_Export

2 Kommentare

  1. Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

    Eine geniale Reflexion über den Wandel von Konsumgewohnheiten und Symbolen im Laufe der Zeit, wobei der Vergleich zwischen der Zigarettenmarke Smart Export und dem modernen Smartphone richtig gelungen ist. Merci.

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