ILLUSIONS IN SUPERPOSITION
Eine Einladung zu einer Gruppenausstellung mit dem Titel “Ein Zimmer für mich“ nahm ich ohne mein übliches Zögern an, allerdings mit der Bedingung, einen Raum für mich allein zu bekommen. Im ersten Moment wusste ich nicht so genau warum. Jetzt weiß ich es besser. Es war Zeit sich mit meinem Raum, den ich mir nehme, auseinanderzusetzen.
Am Anfang schien es völlig klar, dass dieser Raum leer sein musste, nichts sollte das Weiß, das Licht, die Freiheit, die Ruhe, die Klarheit stören, die ich brauche, um zu sein. Weil ich zum Sein auch denken und schreiben muss, um in dieser Ruhe zu bleiben, brauche ich ein Blatt, ein unbeschriebenes. Generell steht dieses für einen Neuanfang und das, immer wieder aufs Neue. Ohne Vorgeschichte, ohne Annahmen, ohne Vermutungen, ohne Bewertungen, ohne Angriffsflächen. Vorerst war ich zufrieden und in Gedanken fertig.
Erste Skizze:

Natürlich war ich nicht fertig. Der Raum stand, die Zeit bewegte sich und meine Gedanken suchten nach dem, was fehlte.
“A woman must have money and a room of her own if she is to write fiction.”
― Virginia Woolf, A Room of One’s Own
Also fehlt das Geld. Ja, ganz sicher.
Ich bleibe im Raum, den ich brauche und nur dann nützen kann, wenn es eine Verbindung nach außen gibt. Das unbeschriebene Blatt gibt es nicht. Wir sind von Geburt an „beschrieben“. Die manchmal so sehr gewünschte, absolute Isolation von allem ist eine Illusion. *
(*Und wie wenn sich dieses Konzept selbständig gemacht hätte und sich vor mir absichtlich bewahrheiten wollte, war der Raum, den ich bespielen sollte, so klein er war, am Tag des Aufbaus bis zur Decke vollgeräumt. Fast hätte ich es dabei lassen.)
Mit diesen Wörtern der Isolation und Illusion drifte ich gedanklich ab, von der Raumzeit, der 4. Dimension bis hin zu Schrödingers Katze und der Superposition. Die sogenannte Superposition ist die Fähigkeit eines Quantensystems sich gleichzeitig in mehreren Zuständen zu befinden. Bei der Katze ging es um die Zustände lebend und tot, existent und nicht existent. Diese Situation ändert sich erstaunlicherweise erst dann, wenn sie gemessen, also beobachtet wird. In dem Fall meines Zimmers: Ohne der Wahrnehmung meiner sichtbar gemachten Gedanken, ohne der Teilnahme an ihnen, scheinen sie, selbst für mich, mit der Zeit nicht zu existieren.
Jetzt ist mein Raum was und wo ich ihn wollte. Das Blatt, das ich in mein für dieses Konzept gewählte Schreibwerkzeug, der Schreibmaschine einlege, ist überdimensional lang. Die Tasten sind abgeklebt. Die einzigen Buchstaben, die ich sichtbar lasse, sind ETZIM.
Resultierende Worte: TIME | ZEIT | MIETZE (die Freude über diesen Moment, in dem sich der Kreis meiner Gedanken schließt, kann ich kaum beschreiben) Die Kunst lebt. Ich existiere.

Die Zeitreise hat funktioniert. Die Koffer sind gepackt. Eine Maus ist dazugekommen:)
Der zweite Teil der Installation ist ein Diaprojektor, der gemeinsam mit Dias meiner Familie im Keller gelagert war. Meine Zeichnungen und Texte, die ich am Computer erstellt habe, habe ich auf eine Overheadfolie gedruckt, ausgeschnitten und gerahmt. Diese werden auf das Blatt projiziert und über eine Fernbedienung von dem Beobachter weitergeklickt. Durch das Eingreifen des Beobachters werden meine aktuellen Texte, erstellt mit meinem Imac, mit Hilfe eines Gerätes aus vergangener Zeit, sichtbar. Der Push-Button macht die Installation hörbar lebendig.
Zusammengefasst ist dieses „Zimmer für mich“ nur dann ein Ort der Kreativität, wenn die Außenwelt ein Teil davon ist. Die Zeit, in der sie entsteht, ist relativ. Messbar ist meine Arbeit, wenn zeitlich und räumlich daran teilgenommen und sie anerkannt wird. Anerkennung in materieller Form spielt eine essenzielle Rolle um diese Arbeit fortführen zu können. Die Existenz hängt davon ab.
Ab 14. 11. -13.12. 2024 gibt es diesen Raum und die Auseinandersetzung von 8 weiteren Künstlerinnen zu diesem Thema, im Kunst Raum Villach zu sehen.
Einen Einblick dessen, was im Vorfeld in meinem Zimmer dazu entstanden ist.






